Kraterrandkultur oder Ein Blick auf Wunden    01/09/26

Eine Woche später, der 28. Februar 1946. Die zweite Ausgabe Der Zeit schlägt einen grundsätzlich anderen Ton an. Es sind die Probleme, die in den Vordergrund rücken, weniger die Hoffnungen. Anderthalb Millionen Deutsche werden aus den von Polen verwalteten Gebieten des Ostens in der nächsten Zeit erwartet – Heim ins Reich, titelt Die Zeit, mit einer gewissen Note die alte Parole aufgreifend. Aber es gibt den „Heimkehrenden“ keine Heimat mehr zu bieten: „Wir sind weniger als Bettler geworden. Unsere Schuld macht uns stumm.“

Gerd Bucerius sorgt sich um die deutsche Einheit, Frankreich stemmt sich gegen die Bildung einer Zentralverwaltung in Deutschland. Die Notwendigkeit einer einheitlichen Verwaltung Deutschlands sieht Bucerius allein schon im Aufbau der deutschen Wirtschaft: Kohle nur noch im Ruhrgebiet, der schwerindustrielle Westen, der agrarische Osten, der kleinindustrielle Süden. Aber in Deutschland verlaufen nun „merkwürdige, willkürlich anmutende Linien, die Grenzen der Besatzungszonen“. Bucerius vergleicht die Zonen mit abgeschnürten Gliedmaßen, ohne eigene Kraft und Lebenswillen. Eine Verfremdung findet statt, die Innenpolitik entwickelt sich in verschiedene Richtungen, im Osten übernehmen die Kommunisten die Führung, in der amerikanischen Zone kommen sie nur auf 10% der Stimmen. Enteignungen entwurzeln die Bevölkerung zusätzlich. Die Sorge, die Angst, scheint nachvollziehbar und steht ihm, und uns als Zeitreisende, noch bevor. Aber auch diese Teilung ist schlussendlich nicht von Dauer, auch wenn sie über 40 Jahre dauert. Und bis heute nicht voll überwunden ist.

Die Probleme der Zeit nach dem Krieg sind so entscheidend und dringend, aber uns heute so unbewusst.

In Deutschland, das Sozialsystem, die große Frage: Wie sollen erwerbsunfähige Opfer der letzten beiden Kriege unterstützt werden? Dr. Schwellworth verlangt, dass die Opfer zukünftig unabhängig davon, ob sie als Zivilist oder als Soldat erwerbsuntüchtig wurden, die gleiche Hilfe erhalten sollten. Es scheint auf den ersten Blick befremdlich, aber dann auch verständlich, dass man das damals mit anderlei Maß gemessen hat. Und je länger man darüber nachdenkt, desto komplexer erscheint diese scheinbar triviale Frage. Welche moralisch-gesellschaftliche Pflicht hat ein kapitulierter, besetzter, bankrotter Staat und dessen Gesellschaft gegenüber seinen verkrüppelten Soldaten, die teils einer besiegten, menschenverachtenden Ideologie folgend ihr Leben riskierten, oder aber auch als Zwangsrekrutierte vollkommen unfrei, und im Gegenzug dazu, die im Krieg geschädigten Zivilisten, vielleicht Anhänger, Profiteure und Wähler dieses verachteten Systems oder aber auch nur reine Opfer in jeder Hinsicht?

Aber das Land hungert auch. Die Essensmarken stellen nur etwa 1304 kcal zur Verfügung, viel zu wenig für einen Arbeiter. Wenige Glückliche konnten wohl noch Kartoffeln und Steckrüben einkellern. Zusätzlich gibt es wohl noch eine gewisse „Tauschfreudigkeit“ auf einem „Schwarzen Markt“. Also bedarf es notwendigerweise einer Mehrerzeugung, äußerste Anstrengung und die Ausnutzung des Bodens. Millionen sind von Haus und Hof vertrieben worden, Bauern und Bauernsöhne, wo sollen sie hin und arbeiten? Aber über all dem steht erneut die Frage nach der Schuld, der persönlichen Schuld. Wer soll und darf profitieren? Es ist keine rein akademische, philosophische Frage, sondern ganz real.

Auch in England gibt es Probleme. Wie gliedert man Millionen junger, kräftiger Männer aus dem Heeresdienst in den bürgerlichen Produktionsprozess ein? Und wie die Arbeiter aus der auslaufenden Rüstungsindustrie? Ein Problem, über das ich noch nie nachgedacht habe, aber das so real und dringend gewesen sein muss, dass es die Politik bestimmte. In Deutschland gab es dieses Problem weniger, Millionen Soldaten sind noch in Gefangenschaft, die „Friedensindustrie“ großteils zerstört.  

Spannend ist, dass in der verfassungsgebenden französischen Nationalversammlung eine neue Erklärung der Menschenrechte ausgearbeitet wurde. Die Zeit berichtet, dass die Kommunisten und Sozialisten der Nationalversammlung mit 20 gegen 16 Stimmen die Aufnahme einer liberalen Pressefreiheit in die Menschenrechte ablehnten. Die Begründung ist die Angst, dass die Pressefreiheit Kollaborateuren und Vichy-Anhängern zugutekäme und dass bei völliger Freiheit die Zeitungen von überlegenen Geldmächten missbraucht werden könnten. Aus heutiger Sicht unvorstellbar und fast unverständlich.

Aber auch die Kultur wird erneut diskutiert. In Berlin überlebten nur 8 von 40 Theatern den Krieg, ein halbes Jahr nach Kriegsende gab es schon wieder
zwanzig, vor allem am „Kraterrand“, dem Ring der Vororte um das zerstörte Zentrum. „Um diese Reste ist der Glanz großer Erlebnisse und Erinnerungen, und dieser Glanz ist stärker als Trümmereinsamkeit und abendliches Grauen, ist stärker als selbst die Bequemlichkeit nahegelegener neuer Stätten der Kunst." schrieb Paul Fechter. Nicht nur das deutsche Theater hat gelitten, sondern auch das Buch wurde Mangelware. Die Nazi-Zeit hat Bücher wegen ihrer politischen Richtung ausgeschaltet, das Volk will jetzt keine hohlen, falschen Bücher mehr, sondern sehnt sich zurück nach den großen Meistern. Die ersten neuen Bücher erscheinen, die Verlage haben Lizenzen erhalten, aber Papier und Druckereien sind knapp. Und die Frage ist auch, was lässt sich von dem Vorgegangenen, Großen und Schrecklichen in Worte fassen und auf Papier bringen?

Im Wochenblick zeigt sich wieder die damaligen Realität. In China demonstrieren die Menschen gegen die Anwesenheit russischer Truppen in der Mandschurei, während die Kämpfe dort andauern und General Chiang Ching-kuo, Sohn des Chiang Kai-shek, ist in Moskau, um zu verhandeln. Franco lässt in Madrid drei Republikaner hinrichten. Die königliche indische Marine streikt, es kam zu Schießereien und Unruhen, ein englischer Marineoffizier ist zur Untersuchung der Lage unterwegs. In Italien muss die Monarchiefrage entschieden werden, während der Emir von Transjordanien, Abdallah I., in England die Unabhängigkeit seines Landes diskutiert. Im Mai würde er sich zum König ernennen, später als Oberbefehlshaber am 1. Arabisch-Israelischen Krieg teilnehmen, das Land in Jordanien umbenennen und schließlich 1951 von einem palästinensischen Attentäter in Jerusalem während des Besuchs des Freitagsgebet erschossen werden.

Und im Kreis Unna in Westfalen starben beim größten Grubenunglück in der deutschen Geschichte über 400 Personen. Es ist nur eine Notiz im Wochenblick. 403 Menschen starben wie man heute weiß in der Schachtanlage Grimberg 3/4. Die meisten Leichen blieben wohl vorerst in der Grube. 1952 wurde ein Ehrenmal errichtet, 1994 der Schacht stillgelegt, 1996 abgebrochen. Seit 2018 wird keinerlei Steinkohle mehr im Ruhrgebiet gefördert.

Es gibt auch einen Beitrag zum Gedächtnis an Franz Marc, der am 4. März 1916 in einem anderen Krieg fiel. Dieser schrieb in einem seiner Kriegsbriefe: „Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben kann, unter keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten. Dies zu wissen, macht das Fortgehen leicht.“